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Essen-Bochold, 17. Januar 2007
Brisante Akten im kahlen Gang
Bethesda-Krankenhaus - wie ist die Situation?
Ein Skandal um das Bethesda-Krankenhaus

Brisante Akten im kahlen Gang


In einem Aktenschrank lagerten frei zugänglich hunderte von Patientenakten
Seit einem halben Jahr ist das "Bethesda" ein Geisterhaus. Neben dem ehemaligen Kreißsaal liegen Patientendokumente unbewacht in offenen Schränken. Sechs Investoren für Abriss und Neubau von Wohnungen

Datenschützers Alptraum war bis gestern in Borbeck zu erleben: Im Gebäude des im Sommer geschlossenen Bethesda-Krankenhauses lagerten hunderte von Krankenakten unbewacht in geöffneten Schränken. Der gesamte Klinik-Komplex steht inzwischen leer bis auf eine radiologische Praxis.

Der Waschbeton-Zweckbau aus den 70er Jahren hat noch nie wirklich gut ausgesehen. Jetzt ist er ein Geisterhaus. Im Hof sammelt sich Müll, am Pavillon nebenan haben sich Graffity-Sprayer ausgetobt. Drinnen liegt noch Kinderspielzeug: Hier war einmal der Kindergarten.

Die ehemalige Hauptpforte, zu Krankenhauszeiten rund um die Uhr besetzt, liegt verwaist zur Rechten am Haupteingang. An einer Tür für das Wachpersonal warnt ein Schild: "Vorsicht, Hunde!". Doch diese und die Wachleute sind nur abends und am Wochenende in Einsatz, wenn die Röntgen-Praxis im Erdgeschoss geschlossen ist.

Mittags um zwölf hindert niemand den Neugierigen, sich auf den verwaisten Stationen umzuschauen. In der Gynäkologie zum Beispiel. Beide Türen zu den dunklen Gängen sind unverschlossen. In einem Gang sind die Deckenplatten teilweise herausgerissen und geben den Blick frei auf Leitungen, die niemanden mehr versorgen. Im nächsten Gang: der Kreißsaal. Dessen Tür ist verrammelt. Nicht aber der Aktenschrank auf der anderen Seite des Ganges. Mehr als mannshoch stapeln sich hier Patientenakten: Ärztliche Befundberichte. Überweisungsbriefe. Krankenakten dokumentieren Behandlungsabläufe über Jahre. Als wir den ungenutzten Kliniktrakt verlassen und ins Foyer treten, grüßt das Personal aus der radiologischen Praxis freundlich. Es ist nicht ihr Job, das Krankenhaus zu bewachen.

Vor solchen Zuständen hat Gudrun Reise schon mehrfach gewarnt. Die SPD-Ratsfrau aus Bochold sorgt sich seit der Stilllegung um die Zukunft des "Bethesda" und hat jetzt einen Brandbrief adressiert, um die Diakonie in Essen und in Wuppertal, deren Tochter Bethesda Wuppertal derzeit Träger des Krankenhaus-Komplexes ist, in die Pflicht zu nehmen. Ihre Bestandsaufnahme der Situation: "Die Geschäftsleitung ist abgetaucht. Der Wachdienst übernimmt keine Verantwortung für den Zustand und die Vollständigkeit des Inventars, weil er nur abends und an den Wochenenden eingesetzt wird. Auch das Kranken-Archiv wird nicht anforderungsgemäß verwaltet, und wichtige Unterlagen liegen zum Teil offen in der ehemaligen Cafeteria herum. Mittlerweile bilden sich wilde Müllkippen, weil die Entsorgungsfrage nicht geregelt ist."

Von der WAZ mit der Akten-Lage konfrontiert, reagiert die Diakonie erst geschockt und dann ganz schnell: "Wir haben das sofort abgesichert", sagt der keineswegs abgetauchte Geschäftsführer Jens Hasley, sagt aber auch: "Das waren hoch brisante Akten. Das durfte nicht passieren."

Immerhin hat er bei der Verwertung der Liegenschaft Teilerfolge zu melden. In einem Bieterverfahren sollen sechs Investoren ihre Konzepte für eine Wohnbebauung vorstellen. Danach soll Baurecht geschaffen werden - für die Abrissbagger.

150 der rund 400 Mitarbeiter des Bethesda-Krankenhauses wurden nach Schätzung des Geschäftsführers Jens Hasley durch die Schließung im Juni 2006 arbeitslos. Viele hatten vergeblich gehofft, vom Philippus-Stift übernommen zu werden. 60 von ihnen klagen nach Angaben des Arbeitsrechts-Anwalts Nohr vor dem Arbeitsgericht auf bessere Abfindungen. In einem ersten Verfahren im November wurden alle Klagen auf den 29. Januar vertagt.



16.01.2007 Von Arnold Rennemeyer (Fotos) und Kai Süselbeck



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