|
|  | DR. ERNST SCHMIDT - 100 JAHRE SPD IN BORBECK SONDERAUSGABE DER BORBECKER NACHRICHTEN
 |
Sozialdemokraten stehen zu streikenden Kumpels
Da keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit erhalten hatte, musste zwischen den Zweien mit den höchsten Stimmzahlen am 7. September 1867 eine Stichwahl abgehalten werden. Auf Devens entfielen in Borbeck 870 Stimmen, für Hasenclever votierten 99 Männer. Vo den 3294 Wahlberechtigten hatten nur 987, also knapp 30 Prozent, gewählt. Ein Grund für die geringe Wahlbeteiligung war, dass Wahlen damals grundsätzlich an Werktagen abgehalten wurden. Hinzu kam, dass die Grubenbesitzer und Fabrikherren an der Wahl der "unteren Schichten" nicht sonderlich interessiert waren. Alfred Krupp richtete gar ein "Wort an die Angehörigen meiner gewerblichen Anlagen". Darin hieß es: "Die Angelegneheiten des ganzen Vaterlandes sollen Jdem wichtig und teuer sein, aber dazu hilft gar nicht das Kannegießen, das Schwatzen über politische Angelegenheiten, das ist nur Aufwieglern willkommen und stört die Pflichterfüllung. Eine ernste Beschäftigung mit der Landespolitik erfordert mehr Zeit und tiefere Einsicht in schwierige Verhältnisse als Euch zu Gebote steht. Das Politisieren in der Kneipe ist nebenbei sehr teuer, dafür kann man im Hause Besseres haben. Nach getaner Arbeit verbleibt im Kreise der Eurigen, bei den Eltern, bei der Frau und den Kindern. Da sucht Eure Erholung, sinnt über Haushalt und die Erziehung. Das und Eure Arbeit sei zunächst vor Allem Eure Politik." Aufwiegler waren für Krupp damals die Sozialdemokratie und die "Ultramontanen", die katholische Arbeiterbewegung. Am 3. März 1871, wieder ein Werktag, fand die Wahl zum ersten Deutschen Reichstag statt. Bismark hatte nach dem gewonnenen Krieg gegen Frankreich das deutsche Kaiserreich geschaffen. Für die Sozialdemokratie kandidierte im Wahlkreis Essen mit Dr. Johan Baptist von Schweizer aus Berlin der Repräsentant des ADAV. Gegenkandidat waren Dr. Josef Krebs aus Köln - er kandidierte für die gerade erst gegründete katholische Zentrumspartei - und Wilhelm Herbertz aus Uerdingen, der Kandidat der Deutsch-Nationalen Partei. Für Sonntag, den 26. Februar 1871, luden die Borbecker Sozialdemokraten alle Wähler zu einer Versammlung "unter freiem Himmel" ein. Ihren Verlauf schilderte die "Essener Zeitung" so: "Zu diesem ungewöhnlichen Auskunftsmittel hatten die Führer der genannten Partei greifen müssen, da ihnen trotz aller Anstrengungen nicht gelungen war, einen geschlossenen Raum unentgeltlich zu erlangen. Auf offener Starße fanden sich gegen Mittag, nach Schluß des Gottesdienstes in der katholischen Kirche, einige Hundert Zuhörer ein, teils aus Neugier, teils aus Zeitvertreib. Die Verhandlungen selbst boten, obgleich einige von Auswärts verschriebene Koryphäen sich hören ließen, kein besonderes Interesse und verliefen, gewiß zum großen Erstaunen der in bedeutender Stärke anwesenden Polizeimacht und gegen allen sozialdemokratischen Komment, äußerst ruhig." Bei dieser ersten Wahl zum Deutschen Reichstag erzielte der Kandidat des Zentrums in der Bürgermeisterei Borbeck 1.204, der Sozialdemokrat 312 und der Deutsch-Nationale 232 Stimmen. Da der Zentrumskandidat auch im gesamten Wahlkreis Essen die absolute Mehrheit erhielt, erübrigte sich eine Stichwahl. Das Jahr 1872 stand ganz im Zeichen des ersten großen Massenstreiks der Bergleute um höheren Lohn und bessere Arbeitsbedingungen. Zu ihnen zählten auch die 4.517 Bergleute, auf den Borbecker Schachtanlagen Carolus Magnus, Konstantin der Große, Wolfsbank, Neuköln, Christian Levin, Prosper, Helene Amalie, Hagenbeck und Schölerpad.
Fortsetzung: Obrigkeit schikaniert SPD Partei bekommt kein Versammlungslokal
|
 |  |
|  | |  |