20. Mai 2012
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100 Jahre SPD in Borbeck
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DR. ERNST SCHMIDT - 100 JAHRE SPD IN BORBECK SONDERAUSGABE DER BORBECKER NACHRICHTEN
Obrigkeit schikaniert SPD

Partei bekommt kein Versammlungslokal

Ohne gewerkschaftliche Organisation führten die Kumpels einen mehrere Wochen dauernden verzweifelten Kampf. An ihrer Seite standen neben den Sozialdemokraten die Essener Jesuiten und mit ihnen die katholische Arbeiterbewegung. Die Staatsmacht bezichtigte sie allesamt, Anführer des Streiks zu sein. Der Arbeitskampf endete mit einer Niederlage.
Mehr noch als zuvor richteten sich danach Schikanen der Obrigkeit auch gegen Sozialdemokraten in Borbeck. Gang und gäbe wurde nun die Verweigerung von Versammlungslokalen
"Die hiesigen Social-Demokraten, welche zur Abhaltung hier kein Wirtslokal mehr zu Gebote steht, beabsichtigen, wie wir vernehmen, in Kürze von Zeit jedesmal in 10 bis 15 Privatwohnungen gleichzeitig Versammlungen halten", schrieb am 11. Juli 1873 die "Essener Volks-Zeitung", das Organ der Essener Zentrumspartei. Zum Thema die "Lage der Arbeiter und Mittel zur Verbesserung derselben" wollte der Essener Sozialdemokrat Seelig 1873 beim Wirt Becks an der Zinkhütte sprechen. Eine Anzeige in der "Essener Volks-Zeitung" kündigte am 30. August diese "Arbeiter-Versammlung" an. Am nächsten Tag aber stand in der gleichen Zeitung: "Die Arbeiter-Versammlung in Berge-Borbeck bei W. Becks muß aufgehoben werden." Im zentralen Parteiorgan "Sozial-Demokrat" meinte Seelig dazu: "Durch Pfaffenränke und Polizei-Schwierigkeiten sucht man die Partei hier niederzuhalten."

Der Himmelfahrtstag 1875 steht für andere Behinderungen und Schikanen. Am 23. Mai berichtete die "Essener Volks-Zeitung":
"Am Himmelfahrtstage geleiteten etwa 100 Sozialdemokraten, voran die rote Fahne, die Leiche Sozialdemokraten zum Kirchhofe. Gestern erhielten nun einzelne Begleiter wegen Beteiligung an einer nicht hergebrachten Beerdigung ein Strafmandat von 9 Mark".
Überliefert ist ein Lied, das die Sozialdemokraten damals auch in Borbeck sangen.
Der Text lautet: "Ein Sklavenleben führen wir, dies bring ich euch zu Kunde. In schwülem, dumpfigen Quartier, vom Hungerslohne leben wir, nur von der Hand zum Munde. Des Morgens, wenn der Tag anbricht, wir hin zur Arbeit eilen. Und tun wir da auch unsere Pflicht, die Fabrikanten achten´s nicht und schelten noch derweilen. Doch einstmals ändert sich die Zeit. Zum Kampf für unsere Rechte das freie Wahlrecht ist bereit, erringt euch Brod, erringt euch Freiheit und seid nicht mehr die Knechte."

Von Oktober 1876 bis Februar 1878 hatten "die Roten" mit der "Essener Freien Zeitung" ein eigenes Publikationsorgan. Ihren Lesern stellte sich die Zeitung mit den Worten vor: "Die Zeitung soll und wird die Rechte und Interessen der Handwerker und Arbeiter nach allen Richtungen hin vertreten und das arbeitende Volk über seine Stellung im Staat und Gemeinde aufklären. Wir werden in diesem Blatt alle Lüge, alle Bedrückung und Ungerechtigkeit öffentlich beleuchten."
Besonders turbulent verlief im Wahlkreis Essen die Reichstagswahl am 10. Januar 1877, die letzte vor Inkrafttreten des Sozialistengesetzes. Für die Sozialdemokraten kandidierten Wilhelm Hanselmann und für die Nationalen Justizrat Eduard Gützloe.
Umstritten war die Kandidatur bei der Zentrumspartei. Bei der vorhergehenden Reichstagswahl im Jahre 1874 hatte der Berliner Reichsgerichtsrat Forcade de Biaix für das Zentrum im Essener Wahlkreis kandidiert und war gewählt worden. Die Führung der Zentrumspartei wollte ihn wieder als Kandidaten aufstellen.
Dagegen wehrten sich die katholischen Arbeiter. Sie wollten endlich einen Arbeiterkandidaten haben. Da sie kein Gehör fanden, stellten sie den ebenfalls dem Zentrum angehörenden krupp´schen Metalldreher Gerhard Stötzel zur Wahl.

Fortsetzung:
"Sie predigten den Umsturz"
SPD verhilft ausgerechnet Krupp zum Wahlsieg


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